Abhangigkeitserkrankungen und schadlicher Substanzgebrauch

Abhängigkeitserkrankungen sind in Deutschland weit verbreitet und entwickeln sich in der Regel über einen schleichenden Prozess. Häufig wird das Suchtmittel, meist über Jahre hinweg eingesetzt, um positive Gefühle zu erzeugen und unangenehme Gefühle zu reduzieren. So kann das Suchtmittel beispielsweise bewirken, dass Traurigkeit, Ängste und Sorgen sowie negative Gedanken kurzfristig nachlassen und weniger wichtig erscheinen. Sicher kennen Sie die Redewendung „sich den Frust wegtrinken“ – er beschreibt die kurzfristigen, zunächst positiven Konsequenzen von Alkohol, aber auch anderen Suchtmitteln treffend. Auch werden verschiedene Substanzen häufig genutzt, um sich nach einem anstrengenden Arbeitstag leichter zu entspannen, sich von Sorgen und Grübeln zu distanzieren oder werden als „Einschlafhilfe“ gebraucht. Zunächst sorgen viele Suchtmittel dafür, dass sich der Verwender kurzfristig besser fühlt.
Langfristig kann ein regelmäßiger, andauernder Gebrauch jedoch zu schwerwiegenden Auswirkungen im Rahmen einer Abhängigkeit fuhren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt Abhängigkeit als „einen seelischen, eventuell auch körperlichen Zustand, der dadurch charakterisiert ist, dass ein dringendes Verlangen oder unbezwingbares Bedürfnis besteht, sich die entsprechende Substanz fortgesetzt und periodisch zuzuführen.“

Eine Abhängigkeitserkrankung wird in der Regel diagnostiziert, wenn während des letzten Jahres mindestens drei der nachfolgend aufgeführten sechs Kriterien der "Diagnostischen Leitlinien für das Abhängigkeitssyndrom" (ICD-10) erfüllt sind:

  • Es besteht ein starker Wunsch oder Zwang, das Suchtmittel zu konsumieren.
  • Es besteht eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums.
  • Das Auftreten eines körperlichen Entzugssyndroms.
  • Es kann eine Toleranz nachgewiesen werden, d.h. es sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen hervorzurufen.
  • Andere Vergnügungen oder Interessen werden zugunsten des Substanzkonsums zunehmend vernachlässigt.
  • Der Substanzkonsum wird trotz nachweisbarer eindeutiger schädlicher Folgen körperlicher, sozialer oder psychischer Art fortgesetzt.

Unter „schädlichem Gebrauch“ (Substanzmissbrauch) versteht die WHO (ICD-10) ein Konsummuster mit tatsächlichen schädlichen Gesundheitsfolgen für Psyche und /oder Physis des Konsumenten. Dazu zahlen sowohl körperliche als auch psychische Störungen wie z.B. depressive Episoden nach massivem Suchtmittelkonsum. Die Ablehnung des Konsumverhaltens durch andere Personen oder negative soziale Folgen wie z.B. Eheprobleme stellen kein Kriterium für schädlichen Gebrauch dar. Ebenfalls eine akute Intoxikation beweist allein nicht den Gesundheitsschaden, der für die Diagnose erforderlich ist.

Es kann grundsätzlich zwischen stoffgebundenen Abhängigkeit- (Alkoholabhängigkeit, Medikamentenabhängigkeit, Drogenabhängigkeit) und nicht stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen (Pathologisches Glücksspielen, Esssucht und exzessive Sexualität) unterschieden werden. Dabei stellt jede dieser Abhängigkeiten ein komplexes Bedingungsgefüge von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren dar. Dazu zahlen Verhalten, Befinden, körperliche Bedingungen, kurzfristige und langfristige Auswirkungen des verwendeten Suchtstoffes sowie die sozialen Auswirkungen des Suchtmittelkonsums. Sie alle gilt es bei einer Behandlung zu berücksichtigen.
Im Rahmen einer Behandlung geht es vor allem darum, vor dem Hintergrund der eigenen Lebensgeschichte, das eigene Suchtverhalten verstehen zu lernen und die Funktionalität des Suchtmittels zu identifizieren. Vorrangig gilt es in diesem Zusammenhang die positiven Gefühle, die durch das Suchtmittel erzeugt werden (wie Freude, Hoffnung, soziale Kontakte usw.) bzw. negative Gefühle, die mithilfe des Suchtmittels reduziert werden, zu erkennen. Von zentraler Bedeutung im Rahmen der Behandlung ist also nicht nur, dem Suchtmittel zu entsagen zu lernen, sondern Mittel und Wege für sich zu entdecken, um die primären Funktionen des Suchtmittels auf natürliche und gesunde Weise zu erfüllen. Ziel ist es, dem Betroffenen nicht nur das Suchtmittel zu nehmen, sondern ihm dafür auch eine Alternative anzubieten. Beispielsweise konnten innerhalb der Behandlung Fertigkeiten erlernt werden, mit denen der Betroffene die gewünschten positiven Gefühle auch ohne Suchtmittel erzielen kann.

So soll der Betroffene im weiteren Behandlungsverlauf zum „Manager seiner eigenen Gesundheit“ ausgebildet werden. Anvisiert wird dabei, die Krankheitsfolgen zu bewältigen und den Patienten beim Aufbau eines suchtmittelfreien, zufriedenen Lebens zu unterstützen. In diesem Zusammenhang bilden vor allem die Nutzung der persönlichen Ressourcen und die Forderung von alternativen Verhaltensmustern bedeutsame Schwerpunkte in der Behandlung.