Fehlendes Selbstvertrauen und soziale Ängstlichkeit

Ungefähr fünf bis zehn Prozent der Menschen sind von sogenannten sozialen Ängsten betroffen. Soziale Ängstlichkeit wird in der Psychologie als soziale Phobie bezeichnet, wenn die Furcht vor der prüfenden Betrachtung anderer zur Vermeidung von sozialen Situationen fuhrt oder diese nur noch mit größten Anstrengungen bewältigt werden können. Betroffenen haben oft die Idee von Dritten anhand ihrer Handlungen beobachtet, bewertet und kritisiert zu werden.
Situationen, in denen soziale Ängstlichkeit auftreten kann:

  • eine Rede halten
  • Essen, Trinken in der Öffentlichkeit
  • Schreiben und Telefonieren vor anderen
  • Kritik äußern
  • Kontakte mit dem anderen Geschlecht

Erkrankte Personen können meist nur unter massiver Angst, manchmal auch nur mit Hilfsmitteln (Alkohol, Medikamente), oben genannte Situationen Bewältigen. Oft werden diese Situationen jedoch ganz vermieden und es kommt durch den sozialen Rückzug zur Einschränkung des normalen Alltags. Dadurch kann die Erkrankung einen chronischen Verlauf entwickeln, bei dem sich der Betroffene komplett sozial isoliert und einsam fühlt. Daher ist es wichtig, soziale Ängstlichkeit möglichst früh zu behandeln.

Mögliche Ursachen für die Entwicklung einer Sozialen Phobie sind vielfältig. Bestimmte Risikofaktoren können vor allem in der frühkindlichen Entwicklung liegen: belastende Lebensumstände sowie einschneidende Erlebnisse wie zum Beispiel Vernachlässigung oder Überbehütung durch ängstliche Eltern, Missbrauchserfahrungen, Scheidung der Eltern oder Abwertungen durch Familienmitglieder oder Gleichaltrige, etc. Diskutiert wird auch eine ängstliche Veranlagung, im Sinne einer „Persönlichkeitseigenschaft“.
Betroffene haben oft aufgrund einer genau erinnerten belastenden Vorerfahrung (z.B. peinliches Erlebnis, ausgelacht werden vor anderen Mitmenschen) vor diesen eigentlich „normalen“ Situationen Ängste entwickelt. Durch verschiedene Vermeidungsstrategien (z.B. sich ruhig verhalten, nach unten schauen in der Hoffnung nicht angesprochen zu werden) werden jedoch diese massiven Ängste, die sich meist auch auf der körperlichen Ebene deutlich äußern, dann stetig aufrecht erhalten. Treten diese vermehrt auf, entwickeln viele Betroffene wiederum eine Angst vor der Angst – ein Teufelskreislauf, der sich alleine nur schwer durchbrechen lasst.
Die Symptome, die während einer angstvollen Situation auftreten können, gehen weit über eine Schüchternheit oder Lampenfieber hinaus. Auf körperlicher Ebene lassen sich Schwitzen, Übelkeit, Angst erbrechen zu müssen, Händezittern, Schwächegefühl, Erröten, vermehrter Harn- und Stuhlgang, Unwirklichkeitsgefühle, Engegefühle im Brust und Bauchbereich, Vermeidung von Blickkontakt, trockener Mund, etc. finden.

Vor allem die Verhaltenstherapie hat sich bei sozialen Phobien als sehr wirkungsvoll gezeigt. Innerhalb Therapie geht es anfangs darum, zu verstehen, was die Erkrankung ausmacht und warum die vielfältigen kurzfristigen Vermeidungsstrategien eigentlich verhindern, dass die Angst aus dem Leben der Betroffenen verschwindet.
Im Verlauf gilt es die Betroffenen zu ermutigen, die angstauslösenden Situationen nicht langer zu meiden. Dieses wird erreicht durch zwei Verfahren: Systematische Desensibilisierung und Reizkonfrontation.
Die systematische Desensibilisierung bedeutet im Prinzip „sich unempfindlich machen“. Desensibilisierung wird in verschiedenen Varianten eingesetzt. Der Patient stellt sich eine Angstsituation vor und zusammen mit dem Therapeuten wird eine Angsthierarchie erstellt. Sie dient dazu, alle Situationen, die angstbesetzt sind, aufzuschreiben und nach Grad der persönlichen Schwierigkeit zu ordnen. Verschiedene Übungen, z.B. sich diese Situationen erst einmal nur vorzustellen und die Ängste auszuhalten, bieten Unterstützung an, auch im realen Leben, sich dann in diese Situationen zu begeben. Wichtig ist jedoch das die Patienten ihre Erkrankung wirklich verstanden haben, ohne dieses Wissen kann sich nichts verändern.

Außerdem lernen Patienten gezielte Entspannungsverfahren (zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung) kennen und üben diese ein. In dem Zustand der Entspannung werden die Patienten schließlich gezielt angeleitet, sich die angstauslösenden Situationen vorzustellen. Dadurch soll die bestehende angstfordernde Verknüpfung: (angstbesetzte) Situation Angst & körperliche Symptome gelost werden und eine neue positivere Verknüpfung erzielt werden: (ehemals angstbesetzte) Situation Entspannung. Die systematische Desensibilisierung wird solange eingesetzt, bis sich Betroffene auch die schwersten Situationen entspannt vorstellen können.
Ähnlich verlauft die Reizkonfrontation (auch Expositionsbehandlung, Expo oder Konfrontationsbehandlung genannt) ab. Unterschied hierbei ist aber, dass die Betroffenen sich der angstbesetzten Situation aussetzen oder sich vorstellen, ohne sich dabei zu entspannen. Meist beginnt man mit den weniger angstauslösenden Situationen und arbeitet dann Schritt für Schritt weitere Situationen ab um zum Schluss bei den Angstsituationen anzukommen, die am intensivsten wahrgenommen werden. Ziel ist, dass der Betroffene merkt, dass die befürchteten Konsequenzen ausbleiben oder deutlich weniger intensiv sind. So gelingt es vielen Erkrankten wieder einen Zugang zum normalen Alltag zu finden und sich wieder angstfreier in sozialen Situationen zu bewegen.